Von der Freiheit eines Rundfunkmenschen…

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Die „guten alten Zeiten“, in denen öffentlich-rechtliche Journalisten unabhängig wirken und ohne Schere im Kopf Beiträge realisieren dürfen, sind sie vorbei – oder fangen sie vielleicht doch gerade erst an? Wie ist es um die innere Rundfunkfreiheit bestellt?

Jürgen-Schröder-Jahn, Jahrgang 1936 und unverwüstliches fest-freies Urgestein des NDR, erinnert mit seinem Buch an ein hehres Gut, von dem manche Kollegen möglicherweise nur eine vage Ahnung haben. Wussten Sie zum Beispiel, dass Programmverantwortliche, die einen zur Sendung vorgesehenen Beitrag absetzen, dieses Vorgehen laut Redakteursstatut auf Antrag des Autors vor dem Redakteursausschuss rechtfertigen müssen?

Angriffe von außen – Streit im Innern: Wie man sich im NDR gegen Einflussnahme der Politik gewehrt oder nicht gewehrt hat beschreibt der Autor – nicht ohne Amüsement und Döntjes - auf eindrucksvolle Weise. Freiheit müsse besonders anstaltsintern immer wieder neu erkämpft werden – so geschehen z.B. in den wilden 70ern und 80ern, als sich der Redakteursausschuss Scharmützel mit den NDR-Hierarchen fast bis zur Selbstzerfleischung lieferte. In einer Zeit, in der die Existenz des Senders auf dem Spiel stand.
Die neueste Fassung des Redakteursstatuts ist zehn Jahre mit einer (damals) „höchst widerständigen NDR-Führung“ ausgefochten worden und konnte 2003 endlich in Kraft treten.
Es sichert fest Angestellten und fest-freien Programmmitarbeitern Mitbestimmungsrechte, bietet Rückhalt bei inhaltlichen Auseinandersetzungen (etwa wenn ein Beitrag von Vorgesetzten bis zur Unkenntlichkeit redigiert wird) – und bietet nicht zuletzt den Redakteursausschuss-Mitgliedern die Möglichkeit, sich regelmäßig mit dem Intendanten zum Kaffeeklatsch zu treffen, berichtet Schröder-Jahn nicht ganz ohne Ironie.
Selbstverständlich ist dies nicht – meint Jörgpeter Ahlers, Redakteur im NDR-Hörfunk, im Vorwort. Er hat die Hoffnung, dass dieses Buch in jenen ARD-Häusern Wundertätiges bewirken möge, deren Intendanten sich bis heute mit Händen und Füßen gegen Redakteursstatute wehren. Peinlich findet Ahlers dieses Vorgehen, doch es wundert ihn nicht: „Weil die ARD überwiegend aus Fürstentümern besteht, sind Redakteursstatute mit ihrem partizipatorischem Flair etwas nahezu Unerhörtes. Der NDR hat es da einfach besser. Der ist kein Fürstentum sondern ein Königreich…“.
König Jobst meldet sich im Buch zu diesem Thema mit folgendem zu Wort:
Das Redakteursstatut mache nur Sinn, wenn es lebt. Es müsse in Konfliktfällen auch genutzt werden. „Warum aber sollte Zivilcourage ausgerechnet bei Journalisten verbreiteter sein als in anderen Teilen der Bevölkerung? Journalisten berichten gern über Konflikte, haben aber nicht gern selber welche.“ Ihm sei kein Fall bekannt, in dem eine offizielle Anrufung des Redakteursausschusses „arbeitsrechtliche oder sonstige Konsequenzen gehabt hätte.“ Allerdings: „Vielleicht hat es sich manchmal karriereverzögernd ausgewirkt.“ …
Dies aber, so Plog, müsse ein guter Journalist in Kauf nehmen. Er müsse sich „dann weiter wehren gegen einen Vorgesetzten, der ihn bestraft, weil er sein Recht wahrnimmt.“
Denkwürdige Worte.
Besonders für die freien Mitarbeiter: Das Thema innere Rundfunkfreiheit – es ist für sie aktueller denn je – sie kämpfen derzeit um ihr Mitspracherecht und bessere Arbeitsbedingungen. Unabhängige Programmgestaltung und Qualitätssicherung sind nur möglich, wenn Autoren frei von existenzieller Not sind. Wer rechtlos an der langen Leine gehalten wird, der könnte zum Ja-Sager und Leisetreter mutieren…
Jürgen-Schröder-Jahn erinnert in seinem Werk nicht nur an edle Prinzipien und goldene Worte – sein Buch scheint ein Appell an Hof und Höflinge zu sein, sich auf die verbriefte Rechtmäßigkeit der Diskurskultur zu besinnen – und ein Appell an die Untertanen, ihre bestehenden Rechte mit dem Segen des Königs wahrzunehmen. Mutig sein!

Von der Freiheit
eines Rundfunkmenschen
Die Geschichte des Redakteursstatuts
für den Norddeutschen Rundfunk
2006, 152 Seiten. Euro 10,00 + Versand
ISBN 10:3-00-01992-6
ISBN 13:978-3-00-019992-9

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